Zeiteinheiten

Inhalt

Sowohl die Frage “was man charttechnisch eigentlich handelt (Trend, Korrektur, Durchbruch oder Bewegung) als auch die Frage nach der Zeiteinheit stellen den Trader vor zwei Probleme. Der Trader muss für sich klären, welche Ziele er mit einem Trade verfolgt und wie dieser Trade in  das scheinbar widersprüchliche Konzept der unterschiedlichen Zeiteinheiten bzw. Trendarchitekturen passt. Gelingt die widerspruchsfreie Sicht nicht, verliert der Trader nicht nur die Übersicht sondern auch die eigentliche Kontrolle über den Trade.

Dem Artikelbild ähnelt, kommt es im Kopf des Trades zu einer Überfrachtung von Darstellungen, Trends, Korrekturen, verschiedenen Zeiteinheiten und weiteren Informationen. Bevor wir uns diesen Themen widmen, fangen wir zunächst bei der allgemeinen Funktion von Börsen an. Diese scheinen nichts mit Zeiteinheiten gemein zu haben. Etwas undifferenzierter gesprochen, kommen an der Börse Angebot und Nachfrage zusammen. Die Börse bringt diese zwei Parteien zusammen und durch den bestmöglichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage entsteht ein Kurs. Die ständige Anpassung vom bestmöglichen Ausgleich sorgt für eine ständige Kursänderung bzw. Anpassung. Diese Kurse werden in der so genannten Times and Sales – Liste zusammengefasst. Die T/S-Liste enthält somit die ständig neuen Kurse inklusive dem Volumen und der Zeit. Zeiteinheiten als solche gibt es nicht. Nur eine unendliche Aneinanderreihung von Kursen.

Beispiel: DAX

Times_and_Sales_Liste_Beispiel_DAX

Beispiel: Aktie

Times_and_Sales_Liste_Beispiel_Aktie1

Für einen in die Vergangenheit zurückgehenden Rückblick müsste man also scheinbar unendliche Reihen dieser Liste analysieren. Das ist weder praktikabel noch effizient. Also werden diese Kurslisten zusammengefasst. Durch die Zusammenfassung der Liste(n)abschnitte entstehen Zeiteinheiten. Je nach dem also, wie stark oder schwach ich meine Kriterien der Zusammenfassung wähle, entstehen höhere oder niedrigere Zeiteinheiten. Daraus resultiert automatisch die Tatsache, dass die Darstellung des Kurses abhängig von der jeweiligen Zusammenfassung ist. Fasse ich die Tames and Sales-Liste also in 5-Minuten-Kerzen zusammen und betrachte damit den Handelverlauf der zum Beispiel letzten 4 Stunden, ergibt sich damit ein anderes Chartbild verglichen zu einer Zusammenfassung der T/S-Liste mittels Tageskerzen, mit denen ich den Handelsverlauf der letzten Monate oder Jahre betrachten kann.

Während der M5-Chart somit einen völlig intakten Abwärtstrend darstellt, kann der Trend auf dem Tageschart z.B. aufwärtsgerichtet sein. Hier entsteht wohlmöglicherweise bereits der erste Widerspruch? Der Tageschart ist long, während der M5-Chart short ist. Was bedeutet das jetzt?

Grundsätzlich geht es ferner gesehen bei der Charttechnik um 2. Fragen: 1) Befinden wir uns in einer Bewegung oder Korrektur und 2.) wie passt das mit der übergeordneten Architektur des Trends zusammen. In dem Kapitel ob Candlesticks überhaupt profitabel sind, wurde dieser Sachverhalt wie folgt auf den Punkt gebracht:

“Viel wichtiger ist doch die Frage, auf welcher Zeiteinheit der Chart dargestellt ist und in welchem Kontext diese charttechnische Situation auftritt. Wie sieht mein Handelssystem aus? Ist das, was ich auf dem M15-Chart sehe eigentlich.. ja was ist das eigentlich, was ich auf dem M15 Chart sehe? Schauen wir uns daher Schritt für Schritt die Situation an.”

Das folgende Beispiel verdeutlich die Notwendigkeit die “unterschiedlichen Darstellungen” in ein Konzept zu bringen:

 

Zeiteinheit: M15 / AUDUSD

AUDUSD_M15_Seitwaertsphase

Man erkennt eine deutliche Seitwärtsrange, bei der es sich anbietet sowohl die Longpositionen an der unteren Seite als auch die Shortpositionen auf der oberen Seite zu handeln. Grundsätzlich ist es hier natürlich möglich sowohl die Unterstützung als auch den Widerstand per Long- bzw. Shortposition zu handeln. Diese Sichtweise ändert sich jedoch, wenn man den Kontext, die Trendsituation und somit die übergeordnete Zeiteinheit in seine Betrachtung einbezieht.

Zeiteinheit: H4 / AUDUSD

 

AUDUSD_H4_RangeAngesichts dieser neuen “Perspektive” kann die als vorher gesehene “optimale” Seitwärtsphase nun neu interpretiert werden. Denn die Seitwärtsphase aus dem M15-Chart ist lediglich ein Teil einer größeren Seitwärtsphase aus dem übergeordneten (zum M15-Chart gesehen) H4-Chart. Und dort wiederum stellt die M15-Range das  “obere” Ende der H4-Range da. Wir wissen also nun, dass es im M15-Chart sinnvoller wäre eher die Shortpositionen aus der Range zu handeln, weil diese wiederum auch in der oberen Begrenzung der H4-Range liegen. Ferner ist auch ein Short-Durchbrechen der M15-Seitwärtsphase wahrscheinlich, weil es sich möglicherweise um ein H4-Top handelt. Damit ist nicht gesagt, dass man auf dem M15-Chart nicht die Longpositionen handeln kann, aber man muss sich eben klar sein, dass diese “M15-Longs” zunehmend gefährlicher aufgrund der H4-Situation werden und damit eng gestoppt werden müssen. Einem alleinigen Bruch der letzten M15-Hoch könnte man nur eine gewisse Signifikanz zuweisen, wenn auch gleichzeitig die letzten H4-Hochs durchstoßen werden. Solange dies nicht der Fall ist, könnte man sogar bei einem alleinigen M15er-Bruch der Hochs von einem Fehlsignal ausgehen, weil die H4-Situation dominant erscheint.

EURNZD – Zeiteinheiten – Verschachtelung

EURNZD_Zeiteinheiten_Verschachtelung

Diese Grafik soll die Wirkung und Bedeutung der verschiedenen Zeiteinheiten und deren Abhängigkeit zur Geltung bringen. Beachten Sie auch immer, dass Trader das Privileg besitzen, sich eine bestimmte Zeiteinheit auszuwählen,  denn dem Markt ist es völlig gleich, welche Zeiteinheit der Trader nutzt. Niemand muss zu jeder Sekunde jede Zeiteinheit im Blickfeld haben, dennoch sollte die allgemeine über- und untergeordnete Lage klar sein. Es spielt eine große Rolle sich den Zeiteinheiten anpassen, bzw. die entsprechende Zeiteinheit bzw. Trendarchitektur für das eigene Handelssystem bzw. das eigene Trading zu wählen.

Der Tradingerfolg hängt letztlich nicht nur davon ab, ob man fähig ist, die übergeordnete Trendsituation aus dem Tages- bzw. Wochenchart richtig zu analysieren, sondern auch davon, ob es gelingt die untergeordneten Fragmente (z.B. aus M5/M15/M30) in die übergeordnete Situation einbetten zu können. Da der Tageschart die Kursverläufe der M5-Zeiteinheit/Zusammenfassung enthält, gibt es somit auch keinen Widerspruch zwischen dem Tageschart und z.b. dem M15-Chart. Gleichzeitig darf man auch nicht den Fehler begehen und von der Annahme ausgehen, dass jede “neue” Zeiteinheit eine neue Trendsituation darstellt. Es ändert (sich) praktisch nichts, wenn man einen Trendverlauf analysiert und dieser in 15-Minuten Kerzen oder in 5-Minuten-Kerzen zusammengefasst bzw. dargestellt ist. Anders formuliert: Es ist egal, ob wir uns die Bewegung in 5×15 Minuten-Kerzen oder eben in 15×5 Minuten-Kerzen anzeigen lassen. Letztlich betrachtet man damit ein und dasselbe Bild nur einmal mit einer gröberen Auflösung (VHS-Kassette) und einmal mit einer genaueren Auflösung (DVD-Qualität/Blue Ray). Die Auflösung ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir ein uns dasselbe Bild anschauen.

2 Beispiele für die (falsche) Bewertung von ‚guten‘ Signalen

AUDJPY – H4 – “perfekter Short”

AUDJPY_Short_A

Beschreibung:

Betrachten wir in diesem Beispiel den AUDJPY auf dem H4 Chart. Der Abwärtstrend ist deutlich erkennbar. Neben dem Kursmuster von fallenden Tiefs und Hochs, korrigiert der Kurs immer wieder in Form von einer bullischer Flagge. Zwei markante Trendkanäle (bärische Flaggen) wurden Ihnen im Chart hervorgehoben. Gehen wir nun davon aus, dass wir den Ausbruch der ersten Flaggenformation verpasst haben und diesmal den zweiten Ausbruch der zweiten Flagge für eine Positionierung nutzen möchten. Der bärische Ausbruch erfolgt (rote Markierung) und der Kurs setzt die Shortbewegung fort. Nach einer kurzen Stabilisierung am letzten Tief steigt der Kurs erneut an und vollzieht ein mögliches Pullback der gebrochenen Trendlinie (lila Markierung). Der Abwärtstrend war weiterhin intakt, wir sprechen erst von einem Trendbruch, wenn das letzte markante Hoch nachhaltig gebrochen wird.

AUDJPY – H4 – “Was ist da los?”

AUDJPY_Short_B

Beschreibung:

 

Im Bild AUDJPY Long B wird die weitere Fortsetzung des Kurses gezeigt. Doch warum wurde der AUDJPY nach der Stabilisierung so massiv aufgekauft? Ein Blick auf den Wochenchart gibt uns die Antwort.

AUDJPY – H4 – “Die Auflösung”

AUDJPY_Short_C

Beschreibung:

 

Was auf dem H4 Chart nach einem bärischen Bruch und einer Trendfortzung aussieht, stellt sich auf dem Wochenchart lediglich als Pullback heraus. Sobald der Markt die markante abwärtsverlaufende Trendlinie berührte, erfolgten starke bullische Impulse. Ohne den Blick auf den Wochenchart, hätte man in diesem Beispiel, trotz intakten Abwärtstrend (H4), gegen einen enormen Unterstützungsbereich angeshortet.

USDJPY – M30 – “schöner Durchbruch”

USDJPY_Short_A

Beschreibung:

 

Betrachten wir bei diesem Beispiel den USDJPY auf dem M30 Chart. Auch hier können wir leicht ein Marktmuster aus fallenden Hochs und gleichbleibenden Tiefs feststellen. Schnell könnte die Idee eines Shorttrades beim Bruch des orange markierten Unterstützungsbereiches aufkommen. Der bärische Ausbruch erfolgte tatsächlich und der Kurs stürzt knapp 50 Punkte ein. (Für einen Scalp ein durchaus erfolgreiches Ergebnis).

USDJPY – M30 – “perfektes Signal”

USDJPY_Short_B

Beschreibung:

 

Nach einer kurzen Stabilisierung erholt sich der Kurs und korrigiert (im M30 Abwärtstrend!) auf das ehemalige Durchbruchsniveau. In diesem Pullbackbereich formt der Markt eine starke bärische Umkehrkerze aus. Sollte man hier  eine zweite Shortposition aufbauen, da nun die Shortbewegung fortgesetzt wird?

USDJPY – M30 – “Was soll das?”

USDJPY_Short_C

Beschreibung:

 

Nachdem möglicherweise Shortpositionen aufgebaut wurden und die Position kurz im Plus war, steigt der Kurs weiter an und erobert den Widerstandsbereich zurück. “Vielleicht läuft er ja nur auf das Gapcloseniveau, aber woher kommt dieser bullische Impuls her” könnten die Gedanken eines “short-orientierten” Traders sein. Um die Positionen abzusichern wird der Stopp eng über das letzte Hoch gesetzt.

USDJPY – M30 – “Nichts kann ihn mehr halten?!”

USDJPY_Short_D

Beschreibung:

 

Nicht nur, dass die Positionen “der Bären2 ausgestoppt wurden, es erfolgte ebenfalls eine Kettenreaktion zusammengesetzt aus greifenden Stopps (der Shortpositionen) und einem Trendbruch in Form eines bullischen Bruchs der abwärtsgerichteten Trendlinie. Verärgert über die ausgestoppte Position, fragt sich der Trader was er denn falsch gemacht hat…er war doch in “Trendrichtung” positioniert. Auch hier sorgt die übergeordnete Lage für Klarheit.

USDJPY – H4 – “Der perfekte Long”

USDJPY_Short_E

Beschreibung:

 

Auch wenn der Short an dem orange markierten Unterstützungsbereich, mit maximal 50 Punkten in der Spitze, für einige Anleger ein durchaus profitables Geschäft hätte sein können, hat man gegen die übergeordnete Kreuzunterstützung angetradet. Die Quittung erfolgte in Form eines Stopp

Auch wenn der Ansatz des Trades, die Fortsetzung des in diesem Timeframe wirkenden Trends, vom Gedanken her richtig war, muss man sich “zwingend” der übergeordneten Lage bewusst sein. Gerade das Pullback aus (B) ist eine  klassische Falle für Marktteilnehmer, welche sich nicht des übergeordneten vorherrschenden Trends im Klaren sind.

Formal treten diese 3 scheinbaren Konflikte auf

 

1.) Zeiteinheit gegen Zeiteinheit

Da die untergeordneten Zeiteinheiten ein Teil der übergeordneten Zeiteinheit sind, sollte hier dem Zusammenbringen unterschiedlicher “Trendsituation” bzw. der richtigen Interpretation von Bewegungs- und Korrekturmuster Aufmerksamkeit geschenkt werden.

2.) Candlestick gegen Zeiteinheit

Da die Candlestick als solche selbst nur einen (untergeordneten) Kursverlauf als Kerze zusammenfasst oder darstellt, handelt es sich eigentlich um das erste Problem.

3.) Candlestick gegen Candlestick

Hierbei findet die Interpretation von Zeiteinheiten und Handelsverläufen kaum noch eine Rolle. In der Regel sieht der Trader hier die einzelne Kerze als einziges Handelssignal und erkennt weder den Zusammenhang der in sich verschachtelten Trends, als auch die Tatsache, dass eine Analyse von Bewegung bzw. Korrektur fehlt.

 

Die Tradingfrequenz als Indikator

Ein guter Indikator für das Verständnis kann die eigene Tradingfrequenz und die damit verbundene Zeiteinheit sein. Bei einer sehr hohen Frequenz gibt es letztlich zwei Interpretationsvarianten:

A.) Der Trader verfügt fundierte Kenntnisse über das Zusammenspiel von Bewegung und Korrektur der unterschiedlichen Trends bzw. Zeiteinheiten (Trendabschnitte würde hier sprachlich besser passen). Diese Kenntnisse nutzt er strategisch und kontrolliert für sich aus.

B.) Die Tradingfrequenz resultiert aus der Unsicherheit in Bezug auf den Tradingkontext. Daher werden relativ rasch ständig neue Positionen gehandelt, mit der “Angst im Nacken, dass sich die Situation ja “schlagartig” gegen einen wenden könnte, und die so hart verdienten Gewinnpunkte lieber mitgenommen werden. Das spielt besonders bei der Börsenregel: Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen, eine große Rolle. Wie soll man in Ruhe auf einer Autobahn fahren, wenn man gar nicht weiß, ob man in die richtige Richtung fährt (übergeordnete Situation) bzw. auf dem richtigen Teilabschnitt einer Autobahn (z.B. Korrektur- oder Bewegungshandel) befindet. Diese Unsicherheit veranlasst einen natürlich lieber schneller mitzunehmen, als nachher gegen die Wand zu fahren.

Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen Trader der Kategorie A) gilt meistens der Satz:

Je höher die Tradingfrequenz auf niedrigen Zeiteinheiten, desto wahrscheinlicher ist die Unsicherheit und Unkenntnis über das Zusammenspiel der Zeiteinheiten, Trendabschnitte sowie Trendsituationen.

Resultate in denen zusätzlich noch Aktionismus auftritt, sehen dann meistens wie folgt aus:

Candlesticksignale_Overtrading_Signale_ueber_Signale_02

Candlesticksignale_Overtrading_Signale_ueber_Signale_01

Natürlich können Signale nicht klappen und der Wahrscheinlichkeitscharakter erfordert die Einhaltung der Risikobegrenzung. Nur macht es einen ungeheuren Unterschied, ob man sich primär bewusst ist, was man auf welchem Teilabschnitt des aktuellen Trends als auch Teilabschnitt des übergeordneten Trends handelt oder eben blind fährt. Mit Blind fahren ist das signalsuchende Trading gemeint, bei dem man sich direkt in den M5-Chart begibt und vermeidliche Signale tradet ohne zu wissen: WAS man dort gerade auf dem M5-Chart handelt, WAS das z.B. eigentlich auf dem Tageschart ist und in welchen Trendsituationen man sich überhaupt befindet.

 

Fragen, die man sich  vor dem Trade stellen sollte:

A.) – Situation der Zeiteinheiten

A.0) Wie sieht die übergeordnete Wochen- und Tagessituation aus

A.1)  Was sehe ich auf dem H4-Chart und welchen Teil des Tagescharts betrachte ich da gerade?

A.2) Was sehe ich auf dem M15-Chart und welcher Teil des H4-Charts betrachte ich gerade, der wiederum ein Teil des Tagescharts darstellt.

-> Handle ich den Trend auf M5? Handle ich die bärische Flagge auf dem H1 Chart? Handle ich die bullische Flagge auf dem Tageschart? Oder handle ich alles auf einmal?

 

B.) – Situation der Signale (Was will ich eigentlich von welcher Zeiteinheit)

B.0) WAS genau handle ich nun? Trend, Bewegung, Ausbruch oder Korrektur auf dem M5/H1/H4…/Tageschart?

 

Zeiteinheiten_verwirrung_signale

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