Die deutsche Tradingszene – eine Abrechnung (Version 1.0)

Livetrading, Coaches und Erfahrungen – 10 Jahre Rückblick auf den eigenen Handel

  1. ERSTKONTAKT BÖRSE 2007
  2. ERSTE BERÜHRUNGEN UND CHARTANALYSE
  3. BÜCHER UND DER CRASH IM JAHR 2008
  4. CASINOTADING UND GEILE M1-TRENDS MIT 10 CFDS
  5. ERGEBNISSE UND ERSCHÖPFUNG
  6. EINSICHT ZUR VERÄNDERUNG
  7. FINANZPORTALE, GODMODE-TRADER UND ANFÄNGE
  8. TRADINGTEAM UND ERGEBNISSE DES PRÄSENZHANDELS
  9. ICH BIN MEIN EIGENER INVESTOR – ZEIT FÜR VERÄNDERUNG
  10. REGELWERKE, BASISWERTEIGENSCHAFTEN UND REALITÄTEN
  11. TRADING HATTE SICH FÜR MICH VERÄNDERT
  12. TRADINGSZENE UND COACHINGINDUSTRIE (ALLGEMEIN)
  13. WER HAT SCHULD?
  14. SCHWARZ ODER WEISS? WER HAT ALLES EIN ZERTIFIZIERTES KONTOSTATEMENT?
  15. COACH ODER TRADER?
  16. PREMIUMDIENSTE – TRADER VERKAUFEN
  17. TRADINGINDUSTRIE – FRÜHER UND HEUTE
  18. FINANZPORTALE, TRADINGSERVICES UND KONKRETE NAMEN
  19. YOUTUBE-COACHING GENERATION UND WEITERE PERSONEN
  20. YOUTUBE „GRAU“-BEREICH (WEITERE KANÄLE)
  21. WAS TRADING EBEN NICHT IST
  22. WAS IST ÜBERHAUPT UMSETZBAR?
  23. GIBT ES ÜBERHAUPT POSITIVE TRADER ODER SERVICES? (NAMEN)
  24. FAZIT, AUSBLICK UND ABSCHLIESSENDE WORTE

 

1. ERSTKONTAKT BÖRSE 2007

Vor gut 10 Jahren habe ich angefangen mich mit dem Thema Börse zu beschäftigen. Begonnen hat alles mit der Frage eines alten Schulfreundes, ob ich nicht auch Interesse hätte, Aktien zu kaufen. Uns beide hatte es nach gemeinsamer Schulzeit und Abitur in unterschiedliche Städte verschlagen, aber dennoch waren wir immer noch im stetigen Kontakt über die ersten aufkommenden Messengerdienste.

Er hatte damals Aktien eines deutschen Stahlunternehmens im Aktiendepot bei der ING Diba. Aktien hatte ich Jahre zuvor, also in unserer damaligen Schulzeit noch, nur beiläufig wahrgenommen. Damals war ich 15 und alle sprachen von Telekom- und Infineon-Aktien. Bis es 2000 dann bekanntlich krachte.

Nun war es 2007, die Dotcom-Blase war vor gefühlt Ewigkeiten (genau genommen 7 Jahren) geplatzt und seitdem habe ich nicht mehr so wirklich davon etwas wahrgenommen. Nun war ich nicht mehr in meiner Schulzeit, es war nicht mehr 2001, sondern 2007. Mein Bezug zum Thema Geld war mit 21 natürlicherweise nun ein anderer und im Studium konnte man Geld eigentlich immer gut gebrauchen.

Konnte ich mir meine Wünsche in meiner Schulzeit mit Nebenjobs und dem daraus verdienten Geld recht „zeitnah“ erfüllen, entwickelte man mit den Jahren natürlich andere Ansprüche an das Leben. Wollte man früher einen neuen Computer oder andere Dinge, waren diese mit einem Sommerjob finanziert. Neben der Schule hatte man kaum weitere Verpflichtungen und die Zeit zur freien Verfügung. Kurzum: Wenn man etwas wollte, konnte man es sich aktiv erarbeiten.

Im Studium musste man sich selbst, also sein Leben neu organisieren oder besser gesagt: zum ersten Mal alles alleine strukturieren. In die Uni zu gehen, kannte man aus der Schule: im Prinzip dasselbe, nur mit größeren Klassen. Freunde, die das Studium für sich selbst nicht als passend empfanden, machten stattdessen eben eine Ausbildung. Auch wenn die Lebenswege sich vorerst trennten, blieb das Lebensgefühl gleich, da man in seiner Ausbildungszeit in einem Unternehmen verständlicherweise auch viel zu tun hatte und dabei nicht die Welt verdiente.

Nun stand man da, musste sein Ausbildung, die Wohnung, Steuern und sämtliche andere Angelegenheiten selbst klären. Es wurde immer deutlicher, dass Freiheit immer mit Verantwortung und Arbeit einherging. Früher hatten meine Eltern die Lebensorganisation übernommen. Da war es einfach mir meine damaligen Wünsche zu erfüllen. Neben der Schule war ich Herr über mein Leben und meine Zeit. Mit 21 war ich jung, aber die damals „ausgemalte“ Freiheit oder Zukunft war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich merkte schnell, dass ich zunehmend schlichtweg mehr Verpflichtungen erfüllen musste. Klar konnte man immer noch experimentieren und Dinge ausprobieren, aber Entscheidungen hatten Konsequenzen. Zeit und Geld traten im Gegensatz zu früher in einem immer stärker werdenden Konkurrenzkampf, weil es nun mal nicht so einfach ist, sich um seine Ausbildung, Wohnung, Familie, Freundin, Freunde und Hobbies mit gleicher Hingabe zu kümmern. Ich führe das deshalb an dieser Stelle detaillierter aus, weil es natürlich die Perspektive auf den Börsenhandel stark beeinflusst bzw. beeinflusste. Vermutlich können sich einige an diesem Punkt wiederfinden.

Vor dem Hintergrund waren Aktien also wesentlich interessanter, als sie es mit 15 gewesen waren. Allerdings ging es mir damals vorrangig um Geld. Der Handel war nur ein Vehikel. Rückwirkend betrachtet spielt es schon eine Rolle. Klar geht es um Geld beim Handel, aber die reine Geldfokussierung kann durchaus davon ablenken, dass es AUCH oder VOR ALLEM um die SACHE (also den Handel an sich) gehen sollte. Unabhängig davon, dass ich zu dem Zeitpunkt wenig Geld zum Investieren besaß, war einfach der Gedanke faszinierend sein Geld mit bestimmten Entscheidungen, also „aktiv“, aber dennoch „passiv“ zu verdienen. Es war eine Möglichkeit, wie ich den Anforderungen des Lebens gerecht werden und gleichzeitig Geld verdienen konnte. Das dachte ich zumindest. Finanzielle Einnahmen durch Investitionen waren gedanklich also schon fest eingeplant, es fehlte nur noch die dicke Investitionssumme. Der Rest würde schon werden. Man war jung, man war smart und wusste: Wenn man doch nur das Geld zum Investieren hätte, würde man es schaffen. Vor allem als ich damals sah, wie sich bestimmte Aktien seit 2004 entwickelt hatten. Ich kam dort zum ersten Mal in Berührung mit dem Trend und dem Momentum. Immer häufiger ließ mich der Gedanke nicht los, was aus meinem Leben geworden wäre, wo ich jetzt mit 21 stünde, hätte ich doch am Tief der Kurse, also 2004, nicht schon Aktien gekauft. Natürlich meinte ich damit nur diejenigen, die auch konsequent durchgestiegen waren. Die „paar übrigen“, die gefallen waren, hätte man sowieso nicht gehandelt oder frühzeitig aus dem Portfolio geworfen. Na klar doch. Nun war es aber 2007 und mit der „verpassten Gelegenheit“ in der Grundstimmung wusste ich: Jetzt ist meine Zeit gekommen. Auch wenn sich die Aktienmärkte jahrelang nur nach oben bewegt hatten, was für mich zu dem Zeitpunkt „kein Problem“ gewesen ist, konnte ich nun kluge Entscheidungen selbstständig treffen und so in der Zukunft ebenso profitieren. Was war schon die verpasste Rallye von 2004 bis 2007, ich hatte den Trend für mich entdeckt und war bereit.

2. ERSTE BERÜHRUNGEN UND CHARTANALYSE

Während mein damaliger Schulfreund, geprägt durch sein Studium, eher die Fundamentalanalyse wählte, besaß ich aufgrund meines Mathematikstudiums einen besonderen Bezug zu Kurven bzw. Graphen. Aus der Schulzeit wusste ich: Dinge, die im Leben stattfinden, kann ich mit Diagrammen „nachbilden“ oder „darstellen“. Schnell fand ich mich an meinem Schreibtisch wieder und las aufmerksam die „Technische Analyse der Finanzmärkte von John Murphy“. Ich war völlig fasziniert von den Gesetzmäßigkeiten der Börse und der Trends. Trends gab es ja nicht nur im Deutschen Leitindex, sondern auch in Währungen, Edelmetallen und weiteren -Rohstoffen. Es fühlte sich an, als ob man sich mit einer Sache beschäftigte, die nur wenige machten. Das Gefühl des Besonderen schwang also immer mit und tut es heute auch noch, wenn auch nicht mehr so stark. Kaum jemand in meinem Umfeld hatte sich zu dem Zeitpunkt mit Finanzgraphen auseinandergesetzt. Investiert haben die meisten oft nur in Immobilien (viel zu teuer, unrealistisch, nicht so spannend), Lebensversicherungen (damals ging das noch mit der Verzinsung, aber noch langweiliger als Immobilien) oder in klassische Sparbücher (Synonym für Langeweile). Man merkt an dieser Stelle schon, dass Begriffe wie „spannend“ oder „langweilig“ eine prägende Kategorie darstellten. Da wurde der Börsenhandel noch emotionaler betrachtet. Der kursmusterbasierte Trendhandel war da irgendwie eine willkommene Abwechslung. Es war so ein Zwischending aus Investment und aktiver Tätigkeit. Man fühlte sich frei, stark und vor allem: entscheidungsfähig. Ich selbst konnte entscheiden, in welche globale Firma ich investieren wollte. Ich selbst war Herr der Lage, konnte die Puzzleteile des Erfolgs definieren und zusammensetzen. Kurzum: Passives Geld, durch selektive, aktive und autarke Entscheidungsmöglichkeiten, den Hauch des Besonderen und mein sowieso vorhandenes Interesse an Mathematik zogen mich rein, tief rein…zu tief, wie sich später herausstellte.

3. BÜCHER UND DER CRASH IM JAHR 2008

Hatte ich die ersten Bücher also verschlungen, sah ich zu, dass ich an Geld herankam. Ebay und mein kleiner Keller waren da die ersten Quellen, die ich anzapfte. Sparsamkeit und Nebenjobs halfen zusätzlich. Mit einigen tausend Euro auf dem Konto und den ersten Büchern über den Trendhandel gewappnet, eröffnet ich ein eigenes Depot und begann den Handel mit gehebelten Zertifikaten auf den DAX, deutsche Aktien und Rohstoffe (Gold, Öl). Nicht unreflektiert oder zockend, aber unstetig. Auf der einen Seite gab es ja die Trends, die seit Jahren liefen. Nun gut, die Immobilienblase platze und keine Frage, 2008 crashte der DAX. Aber das war kein Problem. Ich wusste: Trends sind normal, dann setzt du eben auf fallende Kurse. Allerdings hatte ich absolut keinen Bock Shortpositionen im DAX zu eröffnen und die dann monatelang zu halten. Wie sollte das auch bei meiner Positionsgröße gehen? Wenn ich Geld mit Trends verdienen wollte, konnte ich nicht warten, bis ein Trend nach Monaten oder Jahren irgendwann in meine Richtung laufen würde: Ich brauchte schlichtweg mehr und häufigere Trends. Der Weg in die kleinen Zeiteinheiten war also vorprogrammiert. Allerdings musste ich dort wiederrum feststellen, dass der DAX an einem x-beliebigen Montag nicht unbedingt 200 Punkte fallen muss, nur weil der gesamte übergeordnete Wochentrend oder Jahrestrend fallend war. Außerdem verhielt sich die Börse nicht immer so, wie ich es erwartete. Irgendwie hatten Nachrichten schon einen Einfluss, aber teilweise stieg der „DAXIdiot“, wenn es schlechte Nachrichten gab und fiel, wenn sie „gut“ ausfielen. Woher ich meine Erwartungen nahm und mit welcher „Leichtfüßigkeit“ ich sie äußerte, war mir zu dem Zeitpunkt weder bewusst noch wichtig. Ich hatte viel für den Handel getan, gearbeitet um Geld zu bekommen, gearbeitet um Wissen zu erlangen und daher war es klar, dass der Börsenerfolg nur eine Frage der Ausdauer war. Aus der heutigen Sicht muss man sagen: Ausdauer und eine zu große emotionale Nähe zum Markt sind eben noch keine fachlich neutrale Auseinandersetzung mit dem Thema. Anstatt meine zu große Nähe vielleicht mal kritisch zu hinterfragen, suchte ich die Lösungen in noch engeren Chartbeziehungen. Ich wollte den Puls der Märkte, ich bekam den Puls der Märkte. Aber leider nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Das Hinterhältige der damaligen Entwicklungen war, dass es manchmal Phasen gab, wo ich mit meinen groben Regeln und meinem Verstand richtig lag und Geld verdiente, dann aber auch mit den genau denselben Regeln Geld verlor. Sofort musste das Handelssystem aktiv angepasst werden.

Diese abwechselnde Spiel der Kräfte zwischen Gewinn- und Verlustphasen entwickelte sich zu einer Art Casinotrading. Ich wusste zwar, wie man im Kurschart einigermaßen Trends handelt, aber es war unstetig, ein permanentes Abtasten. Eine Art Computerspiel irgendwann, wo ich selbst immer zur richtigen Zeit, am richtigen Ort „schießen“ musste. In der Zeit merkte ich, dass ich mich mehr für Börse begeisterte als andere in meinem Alter. Stundenlang, tagelang, ach, wochenlang saß ich vor den unterschiedlichen Trends aller möglichen Zeitebenen und Basiswerte, also von DAX bis Gold, von Minutenchart bis Wochenchart. Exakte Regeln waren schwierig, ich handelte mehr nach groben Prinzipien. Es war nicht so, dass ich meine Regeln auf ein Blatt Papier schreiben und es meinem Freund geben konnte, damit er das auch so handeln konnte. Ich selbst war immer die Maschine, der Scanner für die lukrativen Chancen und am Ende der Shooter, der sich die Schlacht mit dem Chart lieferte.

4. CASINOTADING UND GEILE M1-TRENDS MIT 10 CFDS

Mit zunehmender Zeit, die man so vor den Monitoren verbrachte, kam ich in daher schnell Berührung mit den bekannten Themen: Angst, Gier und die Frage, warum man schon wieder emotional so ausgelaugt war. Weil ich natürlich sah, dass ich mit 10 CFDS und einem „geilen Trend“ für den Tag unglaubliche Gewinne „produzieren“ konnte. Damit verdiente ich an einem Tag mehr Geld als meine Freunde mit ihrem Minijob als Kellner in Monaten! Es war ein tolles Gefühl. Ich war diszipliniert, aber nicht so diszipliniert. Ich hatte Regeln, aber nicht so wirklich überprüfbare Regeln. Ich konnte meinem Umfeld stolz erklären, was ich da gerade tue, aber nicht unbedingt, wie ich es tue. Es gab Zeiten, in denen das gut funktionierte und Zeiten in denen furchtbar verlief. Furchtbar wurde es meistens dann, wenn ich erstens mehr Geld verloren hatte, als ich es „angedacht“ hatte und zweitens, wenn ich meine Regeln verletzt hatte. Overtrading und Overconfidence waren natürlich vorherrschende Themen.

Allerdings gab es teilweise auch Phasen, wo ich mich wirklich zu 100 Prozent an meine Regeln gehalten hatte und dennoch nur Verluste dabei rauskamen. Dass ich nicht mein ganzes Kapital verzockte, hatte ich einer gewissen Restvernunft zu verdanken, weil ich am Ende immer wieder die Reißleine zog und mir sagte: „Scheiß drauf, Hauptsache nicht das ganze Konto, guck halt, dass du noch überlebst“. Dass das auf Jahre keine solide Basis darstellte, war irrelevant, weil ich ja wusste: Mit der endgültigen Strategie würde ich in wenigen Jahren ein fertiger Trader sein. Daher war das Motto: „Schmutzig hochhandeln mit kleinem Geld und oben dann sauber einfach normal weitermachen. Du bist jung, der Zweck heiligte die Mittel. Außerdem geht es jetzt nun mal nicht anders.“ Kleine Konten hochzuhandeln geht meistens nur mit der Brechstange, extrem hoher Signalfrequenz und breiter Basiswertpalette. Angenehm ist das nicht, vor allem nicht, wenn man alles selbst machen muss, selbst mit soliden Vorfilterungen und Alarmen.

5. ERGEBNISSE UND ERSCHÖPFUNG

Am Ende eines jenen Jahres hatte ich zwar meistens ein mehr oder weniger größeres Plus vor Betrag meiner Tradingergebnisse, aber es war zunehmend anstrengender. Diese emotionalen Achterbahnfahrten zehrten an dem Konto der Lebensenergie. Zumal ja auch ein Haufen Zeit verloren ging. War es früher die jugendliche Leichtigkeit der Neugier, entwickelte ich daraus zunehmend eine getriebene Sucht. Es ging nicht mehr um Geld, Freude und schon gar nicht um Fachlichkeit. Es ging darum möglichst schnell und vor allen anderen „geile Trends“ zu reiten. Je mehr ich dieses Vorgehen forcierte, umso schlimmer wurde es eigentlich. Mittlerweile waren einige Jahre ins Land gegangen und es musste sich etwas ändern.

6. EINSICHT ZUR VERÄNDERUNG

Ich fing an mir Dinge aufzuschreiben. Dinge, die mich störten, Dinge, von denen ich dachte, dass sie wichtig waren. Gleichzeitig informierte ich mich zunehmend auch auf vielen Internetseiten und Finanzportalen. Ariva.de, Finanzen.net oder auch Godmode-trader.de wurden meine erste Wahl. Dort waren Gleichgesinnte, die meine Interesse teilten. Finanznachrichten hatten nie so wirklich richtig „tiefes“ Interesse bei mir hervorgerufen. Andere Trader, Coaches und Tradingstile dagegen schon. So kam ich Kontakt mit der damaligen deutschen Tradingszene. Ob jemand wirklich mit dem Handel Geld verdient hatte oder nicht, war zu dem Zeitpunkt nicht relevant. Ich war froh, dass da überhaupt jemand war, von dem man vielleicht etwas lernen konnte.

7. FINANZPORTALE, GODMODE-TRADER UND ANFÄNGE

Gerade auf Godmode-Trader gab so viele unterschiedliche Trader, dass dieses Portal für einige Zeit ein wichtiger Ankerpunkt wurde. Viele der damaligen Services waren klassische charttechnische bzw. markttechnische Trader, die für mich nicht so relevant waren, weil ich mittlerweile selbst sehr viel Trades mit diesen Vorgehensweisen durchgeführt hatte. Dennoch schaute ich regelmäßig vorbei um zu gucken, wie die Kursmusteranalyse dort angewandt wurde. Mir half es damals schon mehr, wenn ich mich auf mich konzentrierte, weil es am Ende mein Konto war, dass meine Trades aushalten musste. In diesem Atemzug entstand das Portal Scalp-Trading.com. Ich schrieb die Dinge auf, hatte Spaß daran sie anderen kostenlos zur Verfügung zu stellen und lud die Videos auf YouTube hoch. Daraus entwickelt sich eine Gemeinschaft und die Seite wurde bekannter. Abgesehen davon entstanden dadurch neue Möglichkeiten, weil natürlich Broker auf mich aufmerksam wurden. Irgendwo muss jeder handeln, also war es willkommen, dass CFD Broker Geld bezahlten, um auf der Seite genannt zu werden. Wir verkauften keine Produkte, unsere Leser konnten, aber mussten kein Konto eröffnen. Es war eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Das Portal wuchs kontinuierlich, die Leser hatten uneingeschränkt Zugriff auf alle Inhalte und ich konnte zusätzlich Geld generieren für meinen Handel.

8. TRADINGTEAM UND ERGEBNISSE DES PRÄSENZHANDELS

Mit den Jahren knüpften sich immer engere Kontakte und ein Tradingteam entstand. Nach Jahren des Präsenzhandels hatte man so viele Eindrücke gesammelt, dass wir diese im Team auswerteten. und gemeinsam umsetzten. Es lief nicht schlecht und Geld hat man schon verdient, aber phasenweise gab natürlich weiterhin Verluste. Das Problem war nicht zwangsläufig das Ergebnis, sondern die Art, die Beständigkeit. Es war nicht mehr so instabil wie früher, aber auch nicht so stabil, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Den Traum mit Trading reich zu werden, hatte alle im Team vor langer Zeit aufgegeben. Letztlich konnte und kann man gut davon leben, wenn man „halbwegs profitabel“ agiert, sich „am Riemen reißt“ und für die Notfälle immer noch Marketingverträge hat. Der langfristige Handel, also der Handel auf großen Trends, war nie was für mich und ist es auch heute nicht. Also war die Frage, wie man Geld aus den Trends zieht, immer eine Frage des kurzfristigen Tradings. Nur ist es so, dass natürlich dann auch die Signalfrequenz dementsprechend hoch ist. Trends laufen da genauso stabil wie auf den großen Zeiteinheiten, aber alles läuft eben alles schneller ab. Mit dieser Form des Handelns ist man dann schon eher gezwungen vor den Monitoren zu sitzen. Zumindest ging mir das damals noch so. Nach Jahren dieser Tätigkeit wird einem irgendwann Zeit und selbstbestimmtes Agieren zunehmend wichtiger. Irgendwann ist die einzelne Kerze bei den Non Farm Payrolls nun mal nicht mehr so interessant, wie ein Kaffee mit Freunden an einem sonnigen Freitagnachmittag. Hatten wir nach Jahren eine Handelsart gefunden, mit der wir mehr weniger stabil Geld verdienen konnten, stelle ich fest, dass der reine Präsenzhandel im kurzfristigen Bereich sehr angenehm war, aber eben nicht, wenn 100% des Tradings darauf aufbauten. Es ging zu viel Zeit, zu viel Emotion drauf, selbst wenn halbwegs eine Kontrolle in der Vorgehensweise gegeben war.

9. ICH BIN MEIN EIGENER INVESTOR – ZEIT FÜR VERÄNDERUNG

Natürlich hätte man mit diesem Tradingstil auch größeres Kapital verwalten können, aber Investoren hatten andere Bedingungen an das Depot als ich an meins. Ich konnte damit leben, Regeln situativ abzuändern. Da begann bei mir die Frage zu wirken, wie „engmaschig“ ich mein Regelwerk gestalten könnte.

Wenn man Geld für andere verwaltet und längere Verlustphasen entstehen, geht eine zu lockere Form irgendwann nicht mehr. Bei mir setzte sich zu diesem Zeitpunkt langsam die Sichtweise durch, dass ich mein Konto so handeln wollte, wie für einen fiktiven Investor, der mir 5 Millionen zur Verfügung stellte. Auch kann man unter den Bedingungen dann nicht 50 Basiswerte im Präsenzhandel gleichzeitig kurzfristig handeln. So bin ich letztlich zum Quantitativen Trading gekommen. Dabei werden die Kurse nicht nur über den Chart, sondern vielmehr über schlichtweg trockene Tabellen ausgewertet. Im Fokus stehen daher die Fragen: WAS passiert? WANN passiert es und WIE GENAU verläuft es? Das heißt konkret: Trading veränderte sich, genauso wie ich auch mich mit der Zeit veränderte. Ich wollte wissen, welche Strategien es gibt, wie sich diese verhielten, wie sie funktionierten, welche Marktphasen auf welche Weise wirkten. Da der Trendhandel wie Fahrrad fahren ist, das man nicht so schnell verlernt, konzentrierte ich mich zunehmend auf Auswertungen von Daten, die Datenbeschaffung generell (die sind teuer!) und Strategien. Dabei stellte ich fest, dass viele Strategien lange Phasen hatten, wo sie nicht funktionieren. Die Erkenntnisse aus den Daten öffneten mir die Augen. Sowohl für mein eigenes Trading, als auch auf die deutsche Tradingszene bezogen. Diese Erfahrungen möchte ich mit Ihnen teilen, in dem einen kleinen fachlichen Teil in diesen Bericht miteinfließen lassen. Es ist förderlich auch diesen Teil zu lesen, weil er eine entscheidende Rolle für die Bewertung einnimmt, „was Börsenhandel eigentlich wirklich ist“.

10. REGELWERKE, BASISWERTEIGENSCHAFTEN UND REALITÄTEN

Die einfachsten Systeme oder Strategien findet man im Trendhandel oder im Handel der Volatilität. Für die meisten Anfänger stellt sich glaube ich hier wie für mich damals die Frage, wie man dann den Trendhandel „systematisiert“ umsetzen kann. Muss der Mensch nicht immer den Trend selbst erkennen? Nun, um es direkt zu sagen: nein. Gleitende Durchschnitte bilden das Trendverhalten sehr gut ab und man kann das Trendverhalten über sinnvolle Kreuzungskombinationen von Gleitenden Durchschnitten abbilden. Der Vorteil darin besteht, dass ich diese präsenzlastige Vorgehensweise „fixieren“ kann. Also genau das, was ich vor Jahren immer wollte: Unverrückbare Handelsregeln, die ich auf ein Blatt Papier oder in einen Expert Advisor schreiben kann. Allerdings war es erschreckend festzustellen, dass es selbst mit diesen Regeln der Trendstrategie je nach gehandeltem Basiswert und Zeiteinheit Phasen gab, wo diese Trendstrategie nicht funktionierte.

Die Kunst ist es ja nicht die Zukunft vorwegzunehmen, also die Beantwortung der Frage, wohin ein Basiswert läuft, sondern von der dahinterliegenden Eigenschaft zu profitieren. Es hatte lange gedauert, zu dieser Erkenntnis zu kommen. Der Gedanke lässt sich einfach zusammenfassen: Wenn die Kreuzungskombination von EMAS beispielsweise das Trendverhalten nachbildet, ist es mir egal, wohin der DAX läuft. Irgendwann entwickelt sich ein Trend, ob der Long oder Short ist, spielt keine Rolle. Die Kreuzungen werden es zeigen und damit ist die Richtung vorerst nicht relevant. Ich profitiere also nicht vom Wissen, wohin der DAX läuft, sondern DASS sich überhaupt eine Trendrichtung entwickelt.

Da aber nicht jeden Tag im Intradaybereich eine Trendentwicklung vorliegt, ist es ja klar, dass eine Trendstrategie auch Verluste machen muss. Jahrelang habe ich dagegen angekämpft, weil ich mir gesagt habe: Okay, das hast du verstanden, dann tüftle doch solange, bis du ganz bestimmte Filter entwickelt hast, die dir sagen, ob sich ein Trend entwickeln wird oder nicht. Um es kurz zu machen: Es geht nicht. Beziehungsweise, ich kann es nicht. Ich musste feststellen, dass ich nicht weiß, ob sich ein Trend entwickelt, dass ich nicht weiß, ob der Long oder Short sein wird. Auch weiß ich nicht, wie lange dieser Trend halten wird und wann er bricht. Da ich nicht schlauer als der Markt bin, akzeptiere ich es und trade das Trendsystem einfach durch. WOHLWISSEND, dass lange Phasen auftreten, wo es wenige Trendentwicklungen gibt oder der Basiswert Trend-Etablierungen ständig abbricht. Da ich aber nicht schlauer als der Markt bin, muss ich diese Durststrecke „überwinden“. Überwinden aber nicht im Sinne des Umgehens, sondern im Sinne des fachlichen „Durchhandelns“ der Strategie.

Das führt zwangsläufig dazu, dass eine trendfolgebasierte Strategie eben monatelang seitwärts läuft oder Verluste produziert. Ähnlich verhält es sich mit der Volatilität, die mit Range Breakout Systemen eingefangen werden kann. Auch da gibt es eben diese und jene Marktphasen. Ich denke, dass das auch der Schlüssel für den Präsenzhandel ist. Es hat lange gedauert, bis ich den Wunsch loslassen konnte, die zukünftige Richtung der Märkte „vorwegzuanalysieren“. Alle erfolgreichen Scalper, die ich kenne, haben absolut keine Ahnung, wie sich der Markt langfristig verhalten wird. Die handeln beispielsweise nur Dreiecke mit einem fest definierten Stop Loss von 10-15 Punkten und einem Take Profit von 20-30 Punkten. In der Regel wird also selten die Frage des „Laufenlassens“ gestellt. Ausgenutzt wird eine ganz kurzfristige Spannungssituation im Minutenchart, die nach festen Regeln umgesetzt wird.

Heißt es jetzt, dass „Laufen lassen“ nicht funktioniert? Nun, hier muss man genau sein. Entweder handelt man eine ganz eng gefasste kurzfristige Spannungssituation (wie Dreiecke) oder eben einen längeren Trend. Oftmals wird aber beides miteinander vermischt. Man möchte die eng gestoppte Situation im Risiko, aber den ganzen Trend als Chance reiten. Das funktioniert manchmal, aber langfristig wiederholbar am besten immer am Tief rein und am Hoch raus, bleibt für viele ein Traum. Langfristig ein Nullsummenspiel und wenn man ein wenig in der Positionsgröße übertreibt, gibt’s garantiert den Margin Call. Es ist das alt bekannte Spiel zwischen Risiko im Markt oder Risiko im Geld sowie der „Vorwegnahme“. Das betrifft vor allem den charttechnischen Handel. Meistens wird mit hohem Hebel in kurzfristigen Zeiteinheiten spekulierend in der Vorwegnahme auf lange Trendverläufe gezockt. Rein statistisch ist das ein sehr problematisches Vorgehen. Intraday-Trendtage gibt es nur zu 30 % im Jahr. Zu 70 % schwankt der Markt eben. Dieses Verhältnis lässt sich nicht nur in sehr alten Chart- und Elliott-Wellen-Büchern finden, sondern auch quantitativ nachweisen.

11. TRADING HATTE SICH FÜR MICH VERÄNDERT

Das heißt mein Trading hatte sich nun endgültig verändert. Ich handelte mittlerweile Grundeigenschaften eines Basiswertes, also die Eigenschaft, DASS sich ein Trend ausbildet, DASS Volatilität auftritt. Ob die dann Long oder Short gerichtet war und ist, interessiert mich nicht (mehr). Ich kenn die Zukunft nicht und setze diese Systeme also JEDEN TAG um. Ich weiß, dass sich irgendwann ein Trend ausbilden wird und dann werde ich aufgrund der Regeln und der konsequenten Umsetzung dabei sein. Aber ebenso wird es natürlich Phasen geben, wo ich tagtäglich meine Positionen eingebe, aber nicht belohnt werde. Diese fachlichen Neins über Tage, diese fachlichen Neins über Wochen, muss ich ertragen. Kurzum: Profitable Händler, ob sie jetzt selektive charttechnische Spannungssituationen und Trends manuell handeln, oder eben Quantitative Trader, die im Prinzip dasselbe machen, nur eben statistisch detailliert ausgewertet meist über eine Halbautomatisierte Variante, handeln NIE DIE PROGNOSE, SONDERN IMMER DIE EIGENSCHAFT. Das ist der wichtigste Satz, den ich Ihnen mit auf den Weg geben kann. Auch ein Trendhändler handelt nicht die Zukunft, sondern die Eigenschaft, dass ein Trend zur Fortsetzung neigt. Allerdings auch nicht immer, sondern nur DURCHSCHNITTLICH. Wenn die Trendeigenschaft nach der Etablierung abbricht, ist es so, wie es ist. Ich kann es weder ändern, noch gibt es zwingend Gründe. Zu oft habe ich versucht Gründe zu finden, warum eine „Zukunftsprognose“ nicht aufging, weil ich keine Courage hatte einen fachlich sauberen Stop Loss zu ertragen. Es hat lange gedauert, bis der Stop Loss nicht als Niederlage empfunden wurde.

Das heißt JEDE EIGENSCHAFT, AUCH DER TRENDHANDEL hat selbst einen Trend. Wenn ich immer in Trendrichtung handle, wird es Phasen geben, wo der Markt trendlastiger läuft, da werde ich Gewinne machen, aber es wird eben auch monatelange Phasen geben, wo die Trends, die entstanden sind, vorzeitig abbrechen. Und an genau diesem Punkt kommen das Regelwerk und die Statistik ins Spiel. Der Quantitative Trader hat diese Phasen ausgewertet und weiß, wie lange diese Phasen andauern können. Dafür sind Backtests da. Sie sind keine Ableitungen der Vergangenheit für die Zukunft, sondern eine Aussage darüber, wie lange z. B. ein trendfokussiertes System Verluste produziert, bevor mal wieder eine trendlastigere Phase im Basiswert ansteht. Wann genau die trendlastigere Phase beginnt, weiß am Ende auch keiner auf den Tag genau. Und selbst wenn man es statistisch immer besser eingrenzen kann, ist ja damit noch keine Aussage über die Richtung getroffen.

12. TRADINGSZENE UND COACHINGINDUSTRIE (ALLGEMEIN)

Nun kommen wir zur deutschen Tradingszene und der Coachingindustrie. Vorausgesetzt ich handle die Trendphasen immer nach gleichen Regeln, vorausgesetzt ich habe einen Backtest, der mir zeigt, wie lange ich mit Durststrecken rechnen muss, vorausgesetzt ich halte diese langen Phasen auch aus, ist der Handel profitabel. Aber eben nur unter diesen Bedingungen. Gleiches gilt auch für den viel zitierten DAX-Scalper aus unserem Team. Der weiß auch nicht, wohin die Märkte laufen, sondern handelt konsequent nur ganz bestimmte Situationen. Was auch sehr frustrierend sein kann. Viele Ausbrüche werden bei Ihm ausgestoppt. Dennoch handelt er sein System durch, weil er weiß, dass es eben Phasen gibt, wo der Basiswert nach dem Ausbruch eher „zieht“ und manchmal eben „eher abbricht“. Wenn man das vorher wüsste, würde man die Zukunft kennen. Das Ausbruchsverhalten im DAX hat selbst einen Trend. Phasenweise ist das Ausbruchsverhalten stärker und ausgeprägter, mal weniger und schwächer. Das hat nichts, absolut nichts mit den Regeln zu tun, die sich ein Trader gegeben hat, sondern rein mit dem Vorhandensein dieser Eigenschaft. Warum das so ist, kann man auch nicht klären. Weder mit Nachrichten, noch mit Spekulationen darüber, was es dann sein könne. Das sind am Ende nur irgendwelche Meinungen vor dem Hintergrund eines extrem heterogenen Marktes. Ein Markt besteht eben nicht nur aus Präsenzhändlern, die den Kursverlauf analysieren. Da spielen noch tausend andere Spieler mit. Der größte Feind ist da selten ein Bigplayer, der die kleinen abzockt. Meistens steht man sich selbst im Weg. Abgesehen davon, wenn ich weiß, dass die „Big Boys“, wer auch immer damit gemeint sein soll, „vorhersehbar“ an „ganz speziellen Stellen“ die „Kleinen“ abfischen, kann man sich ja dementsprechend positionieren. Aber wie so häufig hat der Tag eben mehr Struktur, solange einer Schuldiger klar genannt werden kann.

Da nun aufzeigt wurde, dass es trotz „sinnvoller Regeln“ und „konsequenter disziplinierter“ Umsetzung zu Verlusten kommen WIRD, kann man sich langsam vorstellen, was das für Konsequenzen hat, sowohl für die Tradingindustrie als auch für den Händler an sich. Diejenigen, die mit Gier und Hoffnung versuchen die Zukunft vorwegzunehmen, werden langfristig kein Geld verdienen, da es ein Nullsummenspiel ist. „Verhebelt“ man sich ein wenig und verletzt die Regeln zu häufig, ist der Margin Call planbar. Viele wissen doch aus eigener Erfahrung, wie problematisch schwammige Regeln, Overtrading und Gier sein können. Das ist alter Wein in noch älteren Schläuchen. Selbst wenn also jemand ein Regelwerk für den Trendhandel, den Volatilitätshandel oder sonstige anderen Eigenschaften des Marktes an die Hand bekommt, wird es Phasen geben, wo der Markt diese Eigenschaft nicht aufweist. Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob eine Person für den Handel „gemacht ist“. Zu häufig habe ich anderen bestimmte Regelwerke gezeigt und zu häufig musste ich feststellen, dass genau an diesem Punkt ein Bruch stattfand, weil eben wieder versucht wurde, den Schmerz des Stop Losses zu umgehen. „Man wird doch irgendwie herausfinden können, ob das in Zukunft……“. An diesem Punkt ist es schon vorbei. Ich kann die Zukunft nicht sehen und ich will es auch nicht. Ich weiß, dass sich irgendwann wieder eine Phase durchsetzt, wo die Basiswerteigenschaft wiederaufkommt.

13. WER HAT SCHULD?

Die meisten, die an der Börse handeln, handeln nicht, sondern werfen die Würfel oder Münzen. Ziel der eigenen Vorgehensweise ist es smarter zu sein als viele andere und die Zukunft vorwegzunehmen. Das damit 90 % oder mehr der Spieler kein Geld verdienen, ist für viele keine trockene Statistik, sondern bittere Realität. Je nachdem, wie groß das Ego und das dahinterstehende Handelskonto ist, kann sich dieser Prozess über Monate, aber eben auch über Jahre hinziehen.

Wenn man also vom Trading redet, muss man immer erstmal bei sich selbst anfangen. Für sein eigenes Gewicht kann man eben auch nicht Coca Cola verantwortlich machen. Ist also ein Softdrinkhersteller der Teufel, weil er es anbietet? Nein. Ist das Trinken von Cola gesundheitsschädlich? Kommt darauf an. Prinzipiell auch erstmal nein. Natürlich ist ein Vergleich nie perfekt „treffend“, sonst wäre es ja auch kein Vergleich, aber so ähnlich ist es mit der deutschen Tradingszene.

Das Grundproblem ist meistens erstmal man selbst. Man sollte also bei sich selbst beginnend die Frage stellen, ob man wirklich handeln oder doch zur Abwechslung aus Emotion möglichst ohne wenig Aufwand, schnell „passiv“ aufgrund von gefährlichem Halbwissen und Meinungen Geld erzocken will.

14. SCHWARZ ODER WEISS? WER HAT ALLES EIN ZERTIFIZIERTES KONTOSTATEMENT?

Wer langfristig an der Börse bzw. im Trading erfolgreich sein will, sollte also akzeptieren, dass er, mit welcher Handelsart auch immer, nie die Zukunft kennt, nie schlauer als der Markt selbst ist. Neben mehreren Regelwerken für mehrere Marktphasen benötigt es Geduld, Disziplin und harte kontinuierliche Arbeit. Dabei können Coaches helfen. Wie oft werde ich gefragt, was ich von Rene Wolfram halte? Was ich von Koko Petkov halte? Coaches kommen, Coaches gehen. Manche schwören drauf, manche schwören ab. Manche bemängeln, dass mal die BaFin kommen und alle Coaches verbieten sollte. Andere wiederum fänden eine Liste toll, wo man klar trennt, ob derjenige „nur“ ein Coach ist oder eben auch einen Trackrecord, also eine Kontohistorie, vorzuweisen hat. Daneben kann man aber auch fragen: Muss ein Coach unbedingt ein guter Trader sein, um Wissen zu vermitteln? Muss ein Trader auch ein gleichzeitig ein guter Coach sein?

Es gibt hier kein Schwarz oder Weiß. Nur weil jemand vortrefflich in der Umsetzung seiner sinnvollen Regelwerke ist, heißt das noch lange nicht, dass er diese dem „Schüler“ auch vermitteln kann. Und dabei ist noch gar nicht geklärt, ob dieser Handelsansatz überhaupt für diesen, auch wenn er es sich selbst wünscht, geeignet ist.

15. COACH ODER TRADER?

Fakt ist: Ein Coach ohne nachgewiesenen Trackrecord ist problematisch. Natürlich KANN ein Coach ohne profitablen Trackrecord auch sinnvolle Dinge bei seinen Followern bewirken, keine Frage. Ich war zu Zeiten von Scalp-Trading.com auch kein „Überhändler“, sondern habe mehr oder weniger stetig mehr Geld aus dem Markt ziehen können, als er mir am Ende genommen hat. Allerdings habe ich auch damals keine Produkte oder Ausbildungen verkauft. Es gab kostenfreies Wissen, das bis heute im deutschsprachigen Raum noch sehr geschätzt wird und damit hat es sich.

16. PREMIUMDIENSTE – TRADER VERKAUFEN

In dem Moment, wo man aber Geld für etwas verlangt, sollte eine messbare Vergleichbarkeit gewährleistet werden. Das ist mit paar Trade-Beispielen eben nicht vorhanden und spielend einfach zu manipulieren. Deswegen kostet unser Premiumlive-Service boersenmatrix.de nun mal Geld. Weil ich dort mit meinen eigenen Strategien, meinen eigenen Expert Advisor und meinem eigenen Geld real und transparent vorhandle. Mit Tradingplan und einem Trackrecord von bald 1.000 Trades und diversifizierten Regelwerken. Das kann ich vertreten, weil mehr als real vorhandeln und die Hosen runterlassen kann man eben auch nicht. Gewinnversprechen kann ich nicht abgehen. Wie auch. Wer kennt schon die Zukunft? Am Ende kann ich mir also als Trader wenig vorwerfen und das zählt. Am Ende des Handelstages kann ich mir ins Gesicht schauen, kann mir sagen, dass ich mich an meine Regeln gehalten habe. Wenn die Eigenschaft nicht im Basiswert vorhanden war, dann ist das so. Ich gehe ohne persönliche Vorwürfe schlafen, agiere am nächsten Morgen kontrolliert, gewinne durchschnittlich mehr als ich verliere und akzeptiere das Unvermeidliche (die Notwendigkeit der Verlustbegrenzung). Monatelange regelkonforme Durststrecken habe ich hinter mich gebracht. Es ist die Achtung vor dem Willen gepaart mit mehr Rendite als eine Durchschnittsinvestition, die mich den Beruf ausüben lässt. So ist Trading. Machen oder lassen. Den einfachen Weg gibt es nicht. Kurzum: Solange ein Trackrecord vorliegt und regelkonform vorgehandelt wird mit dem eigenen Kapital, halte ich das Verkaufen von Dienstleistungen nicht für problematisch. Man muss eben nur klar erkennen können, was dahintersteht. Zum Beispiel wurden wir oft gefragt, ob wir nicht unsere eigenen Indikatoren auf Scalp-Trading.com verkaufen könnten, wohlwissend, dass es kein fertiges Handelssystem darstellt. Am Ende muss man genau hinschauen wer etwas verkauft, warum er etwas verkauft und ob er real handelt. Wenn einer wirkliches Livetrading sucht, findet er das und wenn es Leute gibt, die sagen, sie nehmen auch Indikatoren, die ihnen bestimmte sinnvolle Zonen hervorheben, den Rest machen sie alleine, sage ich nicht nein. Die kostenfreien Indikatoren wurden über 10.000 Mal heruntergeladen und wenn es Bedarf für kostenpflichtige gibt, warum das nicht mitnehmen. Ich schreibe das, wie es ist. Sonst kann ich mir einen „Report“ oder „Abrechnung“ in dieser Form auch sparen. Sicherlich ist der Titel der Abrechnung provokant gewählt, aber wenn ich abrechne, dann vor allem mit mir selbst.

Und das betrifft einige Trader in Deutschland, die mehr oder weniger bekannt sind. Geld für ein Produkt oder eine Dienstleistung zu nehmen, ist an sich kein Problem. Generell gilt nur aus meiner Perspektive das wichtigste Kriterium: Ein Trackrecord muss vorhanden sein. Also ein zertifizierter Nachweis, ob derjenige real mit seinem Geld (persönlich HAFTEND) handelt. Wenn ein Trader ausschließlich fremdes Kapital handelt, ist das für mich nicht so relevant, weil dieser dann kein Risiko trägt. Wenn ein Händler sein eigenes Kapital UND fremdes Kapital handelt, ist das aus meiner Sicht völlig akzeptabel. Handel definiere ich so, dass man in jedem Fall ein Risiko eingeht. Risiken ausschließlich für andere einzugehen, hat für mich keine Bedeutung. Das gilt es vorab festzuhalten.

17. TRADINGINDUSTRIE – FRÜHER UND HEUTE

Ist kein ausreichend langer Kontoverlauf (Prozente reichen) vorhanden, stehe ich dem Produkt oder verkaufenden Coach erstmal kritisch gegenüber. Mir ist ein Trader lieber, der mit seinem Geld real vorhandelt und Verluste macht, als ein Trader, der mit einem vergleichsweise kleinen Zockeraccount ein paar Monate Gewinne macht. Das Livetrading in Deutschland ist noch gar nicht so alt. In der Phase, wo die CFDS aufkamen, lösten Sie ein wenig die Zertifikate ab. „Livetrading“ früher war nämlich hauptsächlich N-TV Ticker, Börsenbrief- und Zertifikate-Trading. Mit zunehmender Entwicklung der Tradingindustrie kamen dann die schnelleren direkteren Handelsprodukte auf den Markt, die vor allem für die jüngeren technikaffineren Nutzer relevant wurden. Tradingcoaches und Livetradingdienste sowie Tradingprodukte aus der heutigen Perspektive sind also keine 10 Jahre alt. Was heute Premiumlivetrading ist, waren früher und sind es teilweise heute noch die kostenpflichtigen Börsenbriefe. Im Prinzip hat sich gar nichts verändert. Auch noch heute wie damals gibt es eben Börsenbriefe mit transparentem Echtgeldportfolio und eben unseriöse Zockergeschichten. Ist doch nichts anderes. Ich habe damals noch im EUR/USD mit einem Spread von 4-5 Pips gehandelt. Soviel nur zum Thema: Früher war alles besser. Die Handelskosten sind rapide gesunken. Früher war es schwieriger reinzukommen, es hatte aber dafür gefühlt „mehr Struktur. Heute ist der Handel offener, demokratischer, aber die Informationsflut ist stetig gewachsen. Was die Tradingszene ist und wie sie tickt, ist eben immer auch eine Frage der Zeit, aber grundlegende Dinge bleiben gleich. Seriös ist häufiger eher unterrepräsentiert, langweilig, mit Arbeit, Disziplin und Geduld verbunden. Kein seriöser Börsenbrief hat sie damals reich gemacht und so wird es auch heute kein Livetradingdienst tun. Und auf der anderen Seite wird es dann immer noch einen weiteren (grauen) Bereich geben, der mehr oder weniger einen Mehrwert für den Konsumenten schaffen kann.

18. FINANZPORTALE, TRADINGSERVICES UND KONKRETE NAMEN

So richtig in den Markt gepusht sind vor allem Godmode-Trader.de. Die waren irgendwie die ersten aus meiner Wahrnehmung heraus, die verschiedene Trader zur Auswahl anboten, für die man bezahlen konnte. Mit der Zeit hat sich dieser Zweig der Tradingindustrie stark etabliert. Wobei Etablierung vielleicht das falsche Wort ist. Der Handel und die darum entstehenden Services haben sich an die Technisierung des Handelns oder Digitalisierung des Handels einfach angepasst. Aus Zertifikaten wurden CFDS, aus Börsenbriefen Livetradings.

Ich muss dazu sagen, dass ich nie ein zahlender Kunde bei Godmode Trader war. Interessant fand ich die Elliott Wellen Prognosen von Andre Tidje. Dieser Ansatz selektierte meistens schon vorher viele heraus, weil man dafür ebenso Zeit, Geduld und vermutlich viel Hingabe benötigt. Insgesamt betrachtet ist der aufgelegte und mittlerweile geschlossene Fonds lange Zeit verlustreich gewesen. Alles in Allem also irgendwie keine überzeugende Leistung. Inwieweit da die einzelnen Trader von Gomode zu bewerten sind, kann ich also an dieser Stelle gar nicht objektiv einschätzen. Viele Ansätze ähneln sich und kann ich mir selbst erschließen. Elliott Wellen sind immer noch ein Randthema für mich, mittlerweile empfinde ich diese aber auch als zu präsenzlastig. Es sind also keine Vorgehensweisen, die ich automatisieren kann. Im Zeitalter der Digitalisierung ist das langfristig kein Weg für mich. Im Präsenzhandel vermitteln viele Coaches vieles nützliches Wissen, aber was die Retail-Szene angeht, sind wenig Kontostatements einsehbar. Das ist ein großes Problem für den Tradinginteressierten. Der Präsenzhandel ist eben unschärfer definiert. Wären diese Präsenzhandelsregeln zu 100 % automatisierbar, wäre es kein Präsenzhandel mehr. Dann würde man diese Regeln nun mal an eine Maschine auslagern.

Das heißt „wirklicher“ Präsenzhandel entsteht, wen der menschliche Trader die Informationen subjektiv aufnimmt, verarbeitet und umsetzt. Wer das nicht möchte, sollte sich eher mit automatisierbaren Varianten auseinandersetzen. Im digitalen Zeitalter sicherlich keine schlechte Idee, sich mit der Zukunft der maschinellen Automatisierung zu beschäftigen. Wenn man sich für einen Dienst entscheidet, lautet die oberste Regel und Frage daher erstmal: Wie genau sieht die tägliche Handelsroutine und das Kontostatement des Traders aus? Ist das nicht absolut transparent dargelegt, kann es sein, dass der Premiumdienst entweder gar nicht real, gar nicht profitabel oder vielleicht nicht profitabel und nicht geeignet in den Ansätzen für den Kunden ist.

Kommen wir zu Rene Wolfram, der sehr medienwirksam seine Dienste beworben hat. Da ich bei keinem Premiumdienst eine Dienstleistung erworben habe, kann ich daher nur Dinge bewerten, die für mich einsehbar sind. Positiv zu nennen ist zum Beispiel, dass hier mit eigenem Kapital vorgehandelt wird. Mir ist die Performance erstmal völlig egal, es geht rein um die Tatsache Echtgeld: ja oder nein? Das kann man objektiv neutral festhalten. Es ist Echtgeld. Ob einem das jetzt nun passt oder nicht. Es ist im Vergleich zu vielen anderen Diensten irgendwo ersichtlich, DASS regelmäßig gehandelt wird und WAS das für Ergebnisse bringt und WIE das Ganze umgesetzt wird. Das sind doch schon mal drei Fakten, die gar nicht so schlecht sind. Ich persönlich kenne Rene Wolfram nur aus einigen Anzeigen, inwieweit die Systeme konsequent umgesetzt werden, kann ich nicht beurteilen.

Für diesen Beitrag habe ich auch kein Skript oder ähnliches ausformuliert, sondern schildere nur meine Eindrücke. Daher kann ich an dieser Stelle schon mal sagen, dass ich weder einen Überblick habe, wie viele Tradingcoaches es gibt, noch eine detaillierte Statistik darüber, wer davon wie handelt und noch weniger, wer davon wie profitabel ist. Allerdings erreichen uns in letzter Zeit viele E-Mails, mit dem Wunsch sich dahingehend zu äußern.

19. YOUTUBE-COACHING GENERATION UND WEITERE PERSONEN

Neben dem Trubel um Rene Wolfram, zu dem Sie sich bitte ihre eigene Meinung machen müssen, gab es viele Kommentare zu der sogenannten YouTube-Coaching-Industrie. Was ist damit gemeint? Nun, als wir damals angefangen haben uns in der Tradingszene mit den Scalp-Trading.com Videos zu etablieren, gab es keine so breite Informationsvielfalt wie heute. Es war zwar ein gutes Medium um zu zeigen, was man hat, aber es war noch nicht so „industrialisiert“ oder „marketing-isiert“.

Heute hat man den Eindruck, dass sich sowas wie eine „Fake-Reality“ ausgebildet hat. Auf jedem Foto ist jeder gebräunt, hat weiße Zähne, sieht sportlich aus, verbringt gerade seine Zeit mit seinen Freunden am See, alles in Sepiabraun mit dem Sonnenuntergang im Hintergrund. Dolce Vita. Es fällt schwer zu erkennen, wer von der YouTube-Coach-Generation, so kann man es mittlerweile sagen, überhaupt echt ist. Gerade in Amerika hat das Vermarkten von Tradingcoaches einen negativen Einfluss auf die deutsche Tradingszene. Wobei man hier eben auch unterscheiden muss, wen genau man meint. Rein medial treten einige Personen stärker in Augenschein, manche weniger. Daraus eine Bewertung abzuleiten, wäre zu einfach. Ich finde zwei Dinge problematisch: Zum einen vermitteln manche Trader ein problematisches Bild vom Trading. Bilder wirken eben tausendmal mehr als Worte. Dolce Vita zieht eben mehr als Augenringe und Routine. Ohne also ihre Leistung bewerten zu können, weil es mir das Testgeld nicht wert war, erlaube ich mir dennoch eine Meinung darüber, wie diese Personen Trading kommunizieren. Mir gefällt es einfach nicht, wie Koko Petkov, Tobias Knebel, Suat Yeter, aber auch Dirk Müller oder Stefan Risse Börse und Trading vermarkten. Wenn es nachvollziehbare Kontoauszüge gäbe mit langjähriger Tradehistorie, wo man eindeutig belegen kann, dass diese Personen systematisch mit ihrem Echtgeld vor zuschauenden Kunden gehandelt haben, würde ich das anders bewerten. Vor der Perspektive entsteht aus meiner Sicht, um es neutraler zu sagen, ein falsches Bild vom Beruf eines Traders. Als ich den Handel alleine, nicht im Team und nicht so professionell wie heute, vollzogen habe, galt man maximal als begabter Zocker. Und in der Hinsicht kann ich durchaus den ein oder anderen verstehen, der sagt: Das kann nicht wahr sein. Ändert aber auch nichts daran, dass ich mein persönliches Unvermögen nicht mit der Kritik an anderen ausgleichen kann. Jeder ist hier immerhin selbst für sich verantwortlich. Dennoch reicht es nun mal nicht aus, ein paar „Linienchen“ zu malen um kurz vor den non-farm-payrolls mal einen schnellen „Newstrader“ mit 0.1 CFDs vorzuführen, um zu zeigen, wie einfach doch der Handel sein kann. Hier will ich mal ein zusammenhängendes Statement der letzten 1.000 Trades sehen!

20. YOUTUBE „GRAU“-BEREICH (WEITERE KANÄLE)

Neben dieser Gruppe gibt es auch einige YouTube-Kanäle, wo zwar seit Jahren zugegebenermaßen sehr oberflächliches Videos verkauft oder vermarktet werden, es aber auch nach Jahren keine richtigen Statements zu sehen gibt. Darunter kann man Kanäle wie tradingdusche, teamtrade und dergleichen betrachten. Da kann man zum Beispiel nicht sagen, dass mit falschen Versprechen geworben wird, also am Strand sitzen und nebenbei die Kohle scheffeln. Keine Frage, aber es fehlt eben auch ein längerer Trackrecord sowie vermutlich zeitliche Erfahrung, weil die Beteiligten noch entweder sehr jung sind oder das Wissen schon sehr oberflächlich wirkt. Zudem liegt da mehr oder weniger der Fokus, zumindest scheint es so, auf der Videoproduktion, anstatt auf dem Studium der Märkte. Beurteilen kann ich auch da nicht die Tiefe, sondern nur den Eindruck. Der Markt ist groß, viele kommen, viele gehen. So wird es vermutlich immer sein.

21. WAS TRADING EBEN NICHT IST

Trading hat per se nichts mit News, Motivation oder positiver Einstellung oder permanenten Videos zu tun. Trading ist ein Handwerk des Messens, der Regeleinhaltung und der Disziplin. Das ist eigentlich genau das Gegenteil von dem, was oftmals vermittelt wird. Es geht nicht um einen selbst, es geht NICHT um Geld, es geht NICHT um die Psyche. Es geht um den zu messenden BASISWERT, das REGELWERK, die trockenen AUSWERTUNGEN, um DIE SACHE AN SICH. Gut zu sein heißt immer, besser werden zu wollen. Immer besser werden zu wollen fordert einem einen langen Weg aus Schmerzen, Erfahrung und Geduld ab. Oftmals geht es doch nicht um Trading, sondern um Spaß, passives schnelles Geld und unerfüllte Wünsche, die nichts mit Trading zu tun haben. Trading ist das Vehikel, aber nie die Sache selbst. Natürlich sollte Trading Geld bringen, aber wer es ernsthaft betreiben will, muss sich zur Sache hingezogen fühlen. Wenn man unbedingt schnelles Geld will, sollte man sich andere Betätigungsfelder suchen. Man wird immer mehr Geld verdienen in einer Sache, in der man gut ist und nicht in der man sich verstellen muss. Verstellen und Vortäuschen geht nur über eine kurze Zeit, ohne Substanz bricht das Einnahmegerüst irgendwann zusammen. Und das ist glaube ich das, was viele zu Recht auch kritisieren. Dass einige mehr oder weniger das schnelle Geld der Sache vorziehen. Es geht dann eher darum sich kurzfristig marketingstark in einer Szene als Coach zu präsentieren, um schnelles Geld abzuzweigen. Langfristige Profitabilität ist da selten ein konsequent verfolgtes Ziel. Das gilt aber genauso für die gierigen Zockerkunden dieser Services, die dann bestimmte Produkte kaufen. Da findet sich eben das, was zusammengehört.

22. WAS IST ÜBERHAUPT UMSETZBAR?

Darüber hinaus sind viele Ansätze des Präsenzhandels für einen Tradinginteressierten, der noch einen Hauptjob bewältigen muss, kaum umsetzbar. Das geht meistens nur in der Swing-Trading-Variante, die aber für viele aufgrund des Wunsches, nicht über die Nacht oder das Wochenende positioniert zu sein, nicht die richtige Wahl ist. Abgesehen davon ist es eine Handelsart, die alt ist. Durchschnittlich wird eine Aktie an der NYSE nicht mehr länger als 4 Minuten gehalten. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Scalpen, das Ausnutzen von kurzfristigen lukrativeren Situationen, geht aus meiner Sicht nur in den Zeiten von 8-11 (Europa-Session) und 15:30 bis 19:00 Uhr. Absolut regelkonform und stetig diszipliniert in dieser Zone, kann der Handel profitabel sein. Wer keine Zeit dafür hat, sollte sich eher auf den H1 oder H4-Chart konzentrieren, wenn er im Präsenzhandel unterwegs sein möchte. Das bedeutet aber Risiko im Markt. Mir gefällt es schlichtweg nicht mehr eine Handelsart auszuüben, in der ich über Stunden oder über das ganze Wochenende durch illiquidere oder tote Handelszeiten gehen muss. Die Zukunft für den Privatanleger sehe ich im halbautomatisierten Intradaybereich. Natürlich müssen größere Fonds anders vorgehen und höhere Zeitebenen handeln, weil man „riesige“ Futurepositionen nicht „per Klick“ im Markt ohne „Impact“ platziert bekommt. Gerade in so illiquiden Werten wie im DAX. Das ist allerdings nicht das Thema. Eine Alternative bietet die Quantitative Analyse, deren Regeln über Expert Advisor umgesetzt werden. Allerdings ist der Zweig in der deutschen Tradingszene kaum vorhanden, was im Übrigen positiv ist.

23. GIBT ES ÜBERHAUPT POSITIVE TRADER ODER SERVICES? (NAMEN)

An dieser Stelle kommen wir auch zu den positiven Ecken der Tradingszene. Neben Andre Tidje im Präsenzhandel lese ich auch gerne Beiträge von Jens Rabe oder Oliver Schwab. Ich selbst finde mich zwar nicht im Optionshandel wieder, finde es aber gut, dass hier konsequente Regelwerke vorgestellt werden. Während Jens Rabe die Optionsseite hauptsächlich abzudecken scheint, findet sich Herr Schwab in der Quantitativen oder Systemischen Seite des Tradings wieder. Es werden keine Gewinnversprechen abgegeben und gleichzeitig Tradingroutinen rational vorgestellt. Einen positiven Eindruck machen auch die tradingbrothers oder trader-fokus.de, die unaufgeregt ihre Handelspraxis vorstellen. Ob das dann für den jeweiligen Anfänger interessant und vereinbar mit seinem Leben sowie seinen Vorstellungen ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

24. FAZIT, AUSBLICK UND ABSCHLIESSENDE WORTE

Zehn Jahre in dieser Szene sind eine lange Zeit, viele von uns kennen den Weg, den wir gegangen sind. Natürlich wurde unser Präsenzhandel weniger, weil der Quantitative Handel größer wurde, aber wir wollten es so. Uns ist bewusst, dass wir mit boersenmatrix.de keinen Service für die breite Masse anbieten, aber Trading ist vor allem eins: viel harte Arbeit, Hingabe und Fleiß. Oftmals belohnt der Markt falsche Vorgehensweisen und bestraft die Einhaltung der Regeln, aber das Spiel wird eben langfristig entschieden und nicht über die nächsten 2-3 Tradingwochen. Wir setzen dabei zunehmend auf die Auswertung statistischer Daten, nicht um die Zukunft zu prognostizieren, sondern um zu messen, wie lange bestimmte Marktphasen andauern können. Börsenerfolg ist für uns ein Mix aus Strategien, die regelkonform, dem digitalen Zeitalter entsprechend, per Handelsautomatismen umgesetzt werden. Das ist im Übrigen auch die einzige reale Möglichkeit am kurzfristigen Daytrading langfristig teilzunehmen. Wenn man selbst als Person für sich nicht garantieren kann, dass man nicht regelmäßig zu den Haupthandelszeiten systematisch agiert, kann es ja nur über Automatismen gehen. Am Ende bleibt festzuhalten: Zu viele reden seit Jahren. Kontostatements fehlen bis heute. Stattdessen höre ich nur Ausreden. Es gibt sie, die transparenten Trader, aber man muss sie schon suchen.

Dieser Bericht war, denke, ich überfällig. Vor einigen Jahren habe ich mich selbst mehr mit dem automatisierbaren Handel beschäftigt und boersenmatrix.de aufgebaut, dessen öffentlicher Start wenige Monate alt ist. Da mittlerweile dort die Systeme kontrolliert laufen, auch nicht immer gewinnbringend, aber eben durchschnittlich konstant, habe ich nun wirklich die Zeit und die Muße nur noch in ganz speziellen Chartsituationen zu handeln.

Ich hoffe, dass Ihnen, vor allem den Tradinganfängern, diese persönliche Schilderung eine Orientierung geben konnte. Daher würde ich mich freuen, wenn Sie uns einen kleinen Kommentar auf der Seite hinterlassen würden und den Artikel teilen. Sie wissen ja jetzt nach diesem Bericht: Marketing schadet nicht.

Mögen Sie ihren Weg für sich finden, denn der Markt ist groß genug für alle. Wenn ich Trading in einem Satz zusammenfassen sollte, dann dieser:

Versklave dich einem überprüfbaren festen Regelwerk, sonst versklavt dich der Markt und das kostet am Ende Geld, aber viel schlimmer noch Zeit und letztlich Freiheit.

 

Herzliche Grüße,

Ihr Dennis Gürtler.

9 KOMMENTARE

  1. Hallo Dennis !
    Sehr guter Bericht und ich kann nur Danke sagen ! Ich verfolge deine Videos nun schon seit mehreren Jahren, sei es bei Scalp Trading, bei den früheren Morning briefings oder nun bei börsenmatrix.de. Ich verfolge auch die von dir erwähnten anderen Anbieter aber keiner konnte Mehrwert in diesem Ausmaß bieten.
    Mein Trading hat sich dadurch enorm
    verbessert.
    Falls ich mal in die Situation kommen sollte als proffessioneller Trader einen 10 Jahres Rückblick Bericht zu schreiben, dann würdest du Dennis und dein Team an der Stelle stehen, die mich in meinen Anfängen am meisten Geprägt haben !
    Vielen Dank dafür und weiter so !

  2. Klasse Artikel, ich habe während meiner Schulzeit (vor 4-5 Jahren) deine Webinare geschaut – Du hast dich wirklich toll entwickelt.

  3. Vielen Dank für diesen aufklärenden und ehrlichen Bericht über Deine Traderkarriere !
    Der Fleiß und die Hingabe verdiennen höchste Anerkennung.
    Von den vielen Videos und Webinaren im Laufe der Zeit habe ich viel gelernt.
    Dir und Deinem Team wünsche ich weiter viel Erfolg und eine golden Zukunft!

  4. Ich verfolge dich/ euch schon sehr lange und hoffe das viele,die sich für das trading interessieren hier kleben bleiben. Ich habe selbst durch euch viel gelernt und das noch aus den alten Zeiten…Was andere für viel Geld verkaufen gibt es hier umsonst und die Professionalität und Transparenz ist einzigartig. Ich wünsche euch viel Erfolg

  5. Du sprichst mir aus der Seele. So eine Abrechnung (mit sich selbst) sollte jeder mal machen – und das nicht nur einmal. Tradingerfolg und Selbstreflexion korrelieren langfristig immer!

  6. Ein wirklich überfälliger Bericht. Deine Schilderungen kann ich nur zustimmen. Ich weiß selbst wie hart der Tradingaltag sein kann. Ich wünsche allen genug Leidenschaft und Diszipline diesen Beruf auszuüben.

  7. Dennis,
    ich danke dir für deine Arbeit, deine Ehrlichkeit und für dein Wissen, welches du mit uns teilst. Deine Videos sind sehr lehreich aufgebaut. Ich versuche mein eigenes Traden zu verbessern und neu aufzubauen. Deine Arbeit hilft mir sehr dabei. Vielleicht sieht man sich mal.
    Als Abschlüss wünsche ich dir alles gute und Good Trades.

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